Open Science: Keine Antwort auf Ungleichheit?

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Chancengleichheit ist ein wesentliches Ziel von Open Science, tatsächlich kann „frei zugängliche Wissenschaft“ aber unter bestimmten Umständen Gerechtigkeit sogar gefährden. Weniger gut ausgestattete Forschende, Einrichtungen und Regionen sowie Frauen und junge Forschende sind am meisten benachteiligt.

 

Open Science benötigt Ressourcen wie Finanzierung, Zeit, Wissen und Fähigkeiten. Privilegierte Menschen verfügen in der Regel über mehr dieser Ressourcen, was darauf hindeutet, dass sie auch am meisten von Open Science profitieren. Doch wie kann die Dynamik, die als „Matthäus-Effekt bekannt ist, nämlich dass die Reichen immer reicher werden, vermieden werden?

Das von der EU finanzierte Projekt ON-MERRIT hat das Ziel, zu einem gerechten Wissenschaftssystem beizutragen, das Forschende auf der Grundlage ihrer Leistungen belohnt. Im Projekt werden szientometrische, soziologische und weitere Methoden angewendet, um die Auswirkungen von Open-Science-Praktiken zu untersuchen. Forschende des Know-Centers, der Technischen Universität Graz und der Open University, UK, haben 105 wissenschaftliche Arbeiten systematisch ausgewertet und zum ersten Mal das vorhandene Wissen zu diesem Thema zusammengefasst. Die wichtigsten Erkenntnisse sind:

  • Hohe Teilnahme-Kosten: Open Science ist ressourcenintensiv hinsichtlich Infrastruktur, Unterstützung und Ausbildung. Selbst die Nutzung von Ressourcen wie Open Data ist eng mit dem Zugang zu Infrastruktur und Datenkompetenz („data literacy“) verknüpft. Weniger gut ausgestattete Einrichtungen und Regionen sind daher benachteiligt.
  • Diskriminierende Geschäftsmodelle: Das Open-Access Bezahlmodell, bei dem der Autor die Veröffentlichung finanziert, ist ausgrenzend und birgt die Gefahr eine Stratifikation der Autorenschaft.
  • Disziplinäre Unterschiede: Die Bedeutungen und die Beschränkungen von „Offenheit“ sind nicht in allen Disziplinen einheitlich definiert. Wird der Einsatz von quantitativen Standards und Methoden unreflektiert ausgeweitet, kann das die notwendige Interpretationsarbeit unbedeutend erscheinen lassen oder qualitative Ansätze zunehmend abwerten.
  • Fehlende Vergütungsstrukturen: Open-Science-Infrastrukturen stützen sich häufig auf kurzfristige Projektfinanzierung oder ehrenamtliche Arbeit, die in den derzeitigen Anreizstrukturen nicht angemessen honoriert wird.
  • Bevorzugung von wirtschaftlichen Zielen: Open Science ist mit dem Vorwurf konfrontiert, die Kommerzialisierung und Vermarktung von Forschungswissen zu ermöglichen, im Sinne einer wirtschaftlichen Ressource, die ausgebeutet werden soll, statt als gemeinsames Gut zum Wohle der Menschheit zu dienen. Der Industrie steht es frei, Open Science zu übernehmen oder nicht, wodurch wirtschaftliche Ziele gegenüber Zielen des Erkenntnisgewinns bevorzugt werden.

Nach Ansicht der AutorInnen schmälern diese Aspekte die allgemeine Bedeutung von Open Science nicht, sie unterstreichen jedoch, dass die Umsetzung sorgfältig und differenziert erfolgen sollte.  Weitere Ergebnisse des Projekts werden Empfehlungen aufzeigen, was Forschende, Institutionen und Förderinstitutionen tun können, um die angeführten negativen Auswirkungen von Open Science abzumildern.

 

Study: Tony Ross-Hellauer, Stefan Reichmann, Nicki Lisa Cole, Angela Fessl, Thomas Klebel, Nancy Pontika (2022). Dynamics of Cumulative Advantage and Threats to Equity in Open Science: A Scoping Review. Royal Society Open Science.

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